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Libyen 2000

Repara-Tour 2000

 

Ein Reisebericht von Isa Reusch

mit Erläuterungen von Klaus Schlenstedt (Fett kursiv)

 

Am 4. Oktober ging es bei strahlend blauem Himmel in Remscheid los. Ziel war Libyen. Mit den Tatras von Klaus und Lothar, dem Toyota von Jens, Franks Mitsubishi und 7 zunächst noch auf Klaus‘ Pritschentatra verladenen Motorrädern brachen wir auf, um ein Stück der Welt zu entdecken. Zunächst waren wir zehn. Weitere neun Mitreisende sollten unterwegs dazu kommen.

 

Die erste Nacht verbrachten wir im Hafen von Breisach. Jeder schnappte sich Schlafsack und Isomatte und suchte sich einen Schlafplatz – ein erster Vorgeschmack auf viele Nächte unter freiem Himmel, die in den nächsten 5 Wochen folgen sollten.

 

In zwei Etappen fuhren wir von Breisach nach Marseille. Ohne Ohrstöpsel war es im Tatra nicht auszuhalten, an Unterhaltung war nicht zu denken. Das Rütteln tat ein übriges und sorgte so dafür, dass die meisten die Fahrt über pennten. Gewöhnungsbedürftig waren zunächst das Schwarzbrot aus der Dose, Jahrgang 87, sowie die Plörre (lösliches isotonisches Getränkepulver), die abwechselnd in Himbeer-, Zitronen- und Orangengeschmack kredenzt wurde. Im Hafen von Marseille schraubten Klaus und Lothar dann, wie die beiden Tage zuvor auch schon, an den Tatras. (Eine Nutmutter an der Kurbelwelle hatte sich gelöst. Diese hielt normalerweise die Riemenscheibe fest, welche für den Antrieb des Luftpressers und der Lichtmaschine zuständig war. Durch die gelöste Mutter konnte nun ungehindert Öl austreten. Leider hatten wir nicht das entsprechende Spezialwerkzeug dabei. Mit einem Bahnschwellen-Nagel und einem alten Kettenglied, beides fanden wir im Hafengelände, bastelten wir uns ein Spezialwerkzeug. Bei Einbruch der Dunkelheit waren wir mit der Reparatur fertig) Nachdem wir Klaus’ Geburtstag mit Pfannkuchen (Eierkuchen) und alkoholfreiem Sekt gefeiert hatten, begaben wir uns zum Schlafen in einen offenen Container. Auch das Frühstück wurde im Container eingenommen – der Gedanke an big brother drängte sich auf. An der Fähre nach Tunis, die wir nach einer längeren Hafenrundfahrt endlich fanden, stieß Bertl zu uns. Er war mit dem Zug aus Würzburg gekommen.

 

Am 8. Oktober gegen 14 Uhr hatten wir nach einer, abgesehen von der grässlichen Lifemusik an Bord, ruhigen Überfahrt endlich afrikanischen Boden unter den Füßen. Die Nacht verbrachten wir im Hafen von Tunis, wo die Motorräder von Olli, Davor, Jörn und Bertl abgeladen wurden. Klaus und Lothar gaben sich ihrer Lieblingsbeschäftigung hin, sie schraubten am Tatra während Jens zum Flughafen fuhr, um dort unseren Sani “Schwester” Frank abzuholen.

 

Am nächsten Morgen ging’s dann richtig los. Erstes Ziel in Tunesien waren die Ruinen von Spaitla. Beeindruckt von der römischen Baukunst suchten wir nach deren Besichtigung außerhalb der Stadt nach einem ruhigen Platz für die Nacht. Was zunächst sehr abseits in den Bergen gelegen schien, entpuppte sich als eine Art Gehege, in dem wir von unzähligen aufdringlichen und teilweise recht aggressiven Kindern und Jugendlichen begafft und betatscht wurden. (Ein Jugendlicher im Alter von etwa 17 Jahren forderte uns ständig zum Boxkampf heraus.) Klaus schimpfte, Olli zog einen der Jungs am Ohr und schließlich half nur noch eine Schnur, die wir zur Begrenzung um das Camp spannten. Wie angenehm war da doch der ältere Hirte, der uns am nächsten Morgen besuchte. Er probierte von unseren Stachelbeeren aus der Dose (die schon am Vorabend einigen der Mitreisenden wahre Begeisterungsstürme entlockt hatten), spuckte sie aber sofort wieder aus. (Mitgenommen hat er die halbvolle Dose dann aber doch)

 

Der Konvoi bewegte sich weiter nach Tozeur. Jörn hatte mit seiner Africa Twin die erste Reifenpanne. Das “Tor zur Sahara” erreichten wir gegen Mittag. Nach einigen sehr staubigen Tagen genoss jeder den dünnen Wasserstrahl der aus der Dusche auf dem Campingplatz rann. Am Abend fuhren wir mit Franks Mitsubishi zur Stadtbesichtigung. 7 Leute zwängten sich auf die Ladefläche und hatten viel zu lachen, als Frank – der inzwischen den Beinamen El Verfahri trug - beinahe mit einem Pferdefuhrwerk kollidierte. Das Pferd streckte den Kopf durchs Fenster und blickte Frank tief in die Augen.

 

Bei fast 40°C führte uns die Straße am 12. Oktober über den Chott el Jerrid in Richtung Matmata. Direkt nach dem größten Salzsee der Sahara sollten wir auf die erste Piste abbiegen. Mit viel Getöse donnerten wir durch den Ort. Schon nach wenigen Kilometern auf der sehr weichen Sandpiste mussten die Motorradfahrer jedoch feststellen, dass sie mit ihrer Straßenbereifung hier nicht durchkamen. Recht kleinlaut kehrten wir auf die Straße zurück.

 

In einem Steinbruch mit herrlicher Aussicht auf die umliegende, beinahe mondartig anmutende Landschaft fanden wir am Abend ein schönes Plätzchen. Zunächst setzte heftiger Wind ein, dann begann es zu regnen. Für eine Weile beruhigte sich das Wetter und wir hatten einen tollen Blick auf die vom Vollmond beschienene Umgebung. Plötzlich brach Hektik aus: Olli war mit der Leiter vom Tatra gekippt und hatte sich am Handgelenk verletzt. “Schwester” Frank hatte seinen ersten Einsatz, er legte dem Verletzten eine Gipsschiene an. An Motorradfahren war vorerst nicht mehr zu denken. Als das Lagerfeuer erloschen war, verteilten wir uns im Steinbruch und versuchten zu schlafen. Die Nacht war sehr stürmisch und sandig, zwischendurch regnete es auch mal kurz.

 

Am Nachmittag des folgenden Tages waren wir auf dem Weg zur libyschen Grenze. Nachdem wir einen der zahlreichen Geldwechsler in Ben Guerdane reich gemacht hatten, fuhren wir noch ein Stück näher zur Grenze, wo früh am nächsten Morgen die restlichen 7 Mitreisenden mit dem Taxi vom Flughafen Djerba ankommen sollten. Pünktlich zum Abendessen war er wieder da – der Sandsturm. Eva und ich kochten Kartoffelsuppe im Tatra, das Klima dort oben war dem eines türkischen Dampfbades nicht unähnlich.

 

Um 2.30 Uhr waren wir vollzählig und konnten die Ausreise nach Libyen in Angriff nehmen. Ca. 11 Stunden später war es vollbracht! Der Zeitplan war durch den langen Aufenthalt an der Grenze völlig durcheinander geraten und wir mussten eine Nachtfahrt einlegen. Unser Ziel Darj erreichten wir aber dennoch nicht, denn gegen Mitternacht waren alle Fahrer kaputt und sehnten sich nur noch nach der Isomatte.

 

Die Nacht war kurz, denn am Morgen mussten die Motorradfahrer Reifen wechseln. Nach weiteren 80 Kilometern auf der Straße lag die Piste A8 (nach G. Göttler) vor uns, die uns nach Idri führen sollte. Anfangs gab es einige Diskussionen über Reihenfolge und Geschwindigkeit der einzelnen Fahrzeuge. Ein aus insgesamt 10 Fahrzeugen bestehender Konvoi in der Wüste verlangt jedem einzelnen eine gehörige Portion Disziplin und Teamgeist ab. Erfreulicherweise dauerte es nicht lange, bis sich alle aufeinander eingestellt hatten.

 

Eines Abends schlugen wir unser Lager am Rand der Piste in der Nähe einer Dromedarherde auf. Die beiden Hirten gesellten sich “nach Feierabend” zu uns. Sie brachten Davor, der sie zuvor großzügig mit Zigaretten versorgt hatte, ein Gastgeschenk mit und saßen lange mit uns ums Feuer. Die beiden schienen viel Spaß zu haben, vor allem wohl weil Klaus und Lothar ihr komplettes Equipment im Einsatz hatten und bei Flutlicht schraubten, was das Zeug hielt. (Das Hosenrohr an dem Auspuff des Pritschen-Tatra hatte einen Riss bekommen und musste geschweißt werden.)

 

Auf der relativ einfachen Piste kamen wir nur langsam voran. Am dritten Pistentag erreichten wir eine Abbruchkante. Es dauerte eine Weile, bis wir den Einstieg gefunden hatten. Unten angelangt war Mitten im Nichts ein Polizeiposten. Die beiden hier stationierten Gesetzeshüter hatten offenbar schon lange nichts mehr zu tun gehabt. Sie nahmen die Passkontrolle äußerst genau. Die Piste wurde übel, wir kamen nicht weit, ehe Friedhelm unfreiwillig den bis dahin schönsten Rastplatz für uns aussuchte: er flog aus der Kurve direkt auf einen Stein und brach sich dabei das Schlüsselbein. Ollis Motorrad stand nun nicht mehr alleine auf dem Tatra.

 

Pannenbilanz der ersten 3 Pistentage: 2 platte Motorradreifen, 2 verbeulte Felgen, 1 platter Tatrareifen, abgefallene Auspuffteile am Tatra von Klaus, die den beiden Tatrafahrern 2 Stunden Schweißarbeit am Abend bescherten, der Himmel in Lothars Tatra hatte sich gelöst, 2 mal fiel der Anlasser aus und Peter verletzte sich bei einem Sturz von seinem Motorrad an der Hand.

 

Ohne weitere Pannen schafften wir es schließlich bis Idri. Kaum hatten wir den Ortsrand erreicht, war uns aber schon wieder eine unvorhergesehene Pause beschert. (Ein Ölschlauch an dem Lenkungszylinder hatte einen Riss bekommen, er musste komplett ausgetauscht werden.) Nach erfolgreicher Reparatur sollten wir uns zur Passkontrolle beim Polizeiposten einfinden. Dort fragte Klaus nach dem grünen Dreiecksstempel, den man sich innerhalb von 7 Tagen in den Pass holen musste. Den hatten sie hier allerdings nicht. Als alle unsere Daten dort handschriftlich erfasst waren, fuhr “Schwester” Frank mit Olli und Friedhelm zum Röntgen ins nächste Krankenhaus, der Rest musste zunächst bei einer weiteren Tatrareparatur ausharren. (Es wurde im Fahrerhaus des Tatras auf einmal merkwürdig leise. Der Kühlluftventilator des Motors war aus seiner Halterung gerutscht und hatte nun keine Verbindung mehr zur Antriebswelle. Dieses Problem ließ sich allerdings schnell lösen. Ventilator wieder reinschieben und Klemmung festziehen, fertig!)

 

Auf dem Dorfplatz von Barghan warteten wir auf die beiden Invaliden und auf Frank, der mehrfach in einem Polizeiauto an uns vorbei gebraust kam. Im Krankenhaus hatten sich Franks Diagnosen bestätigt, sowohl die Hand als auch das Schlüsselbein waren gebrochen. Wir hatten inzwischen enormes Aufsehen erregt und einen großen Menschenauflauf verursacht. Peter war mit einem Arzt ins Gespräch gekommen, der uns zu einem wunderschönen Rastplatz führen wollte. Mit Polizeieskorte ging es aus dem Ort. Wir bogen von der Straße ab in den Sand. Es war stockdunkel und vor allem die Motorradfahrer hatten große Schwierigkeiten. Der wunderschöne Platz kam und kam nicht. Jörn schmiss irgendwann sein Motorrad hin und wir beschlossen, zum Unverständnis von Polizei und Arzt, nicht weiterzufahren. Mitten in der Pampa schlugen wir das Lager auf. (Aus der Dunkelheit kam auch Frank mit seinem Mitsubishi zurück, aber wer saß dort am Steuer? Der Polizeichef persönlich! Frank hatte sich im tiefen Sand festgefahren. Der hilfsbereite Polizist fuhr seinen Wagen dann wieder frei. Aber was war das? Er hatte bei dieser Aktion Franks linken hinteren Kotflügel zerstört. Shukran!) Wir waren alle hungrig und müde, die Stimmung war gereizt. An diesem Abend gab es heftige Diskussionen über Sinn und Unsinn der ganzen Unternehmung. In der Nacht tobte wieder ein Sandsturm, diesmal begleitet von einem Gewitter.

 

Am Morgen mussten wir die Sandpiste vom Vorabend wieder zurückfahren, dann lagen 300 Kilometer auf Asphalt vor uns. Um die Mittagszeit trafen wir in Sebha ein. Hier konnten wir uns für viel Geld die grünen Dreiecksstempel in unsere Pässe kaufen.

 

Das Umfeld der libyschen Städte ist so ungefähr das dreckigste was man sich vorstellen kann. Immer wieder weißt einen der Müll darauf hin, dass man bald in eine Ortschaft kommt. Schwarze Plastiktüten fliegen durch die Luft, Dreck und Unrat aller Art säumen den Straßenrand. Die Menschen hier scheint das aber nicht weiter zu stören.

 

Ziel der heutigen Etappe war Terkiba, wo wir auf dem Campingplatz direkt bei den Dünen Quartier bezogen. Die Fahrer waren kaum zu halten. Klaus jagte seinen Tatra über die Dünen, Jens tollte im Toyota durch den Sand und die Motorradfahrer fegten übermütig im Gelände umher. Thomas wurde ein bisschen zu übermütig, er flog in hohem Bogen über eine Düne und landete recht unsanft im Sand. Das Motorrad war etwas verbogen, die Schulter des Fahrers leider auch. “Schwester” Frank brachte ihn ins Krankenhaus. Diagnose: eine verletzte Schulter, die zu Hause operiert werden muss.

 

Wieder ein Motorradfahrer weniger. Krisenstimmung machte sich breit. Zu viele Verletzte und zu viel Zeit, die durch Pannen und andere unvorhergesehene Verzögerungen auf der Strecke geblieben war, drohten die weitere Tourenplanung zu kippen. Die Durchquerung des Erg Ubari war unter diesen Voraussetzungen nicht mehr zu schaffen. Eine neue Planung musste her, was heftige Diskussionen auslöste. Nach all diesen Aufregungen hatten wir uns einen ruhigen Tag verdient, den wir mit Ausflügen zu Fuß, per Motorrad, Auto und Tatra in die umliegenden Dünen verbrachten.

 

Am Samstag wollten wir zu den Mandaraseen fahren. Mit gemieteten Jeeps, Jens‘ und Franks Autos und den drei noch verbliebenen Motorrädern fuhren wir früh morgens los. Wir hatten alle viel Spaß im Sand und genossen die wunderschöne Landschaft. Der viele Sand war überwältigend. Stefan und Frank nahmen im See von Gabroon ein Bad, ich begab mich zum Skilaufen auf die Uferdünen. Nach einer ausgiebigen Pause am See ging’s zurück in den Sandkasten. Der Weg zum Um El Ma (Mutter des Wassers) brachte uns einen weiteren Verletzten ein. Siggi schanzte mit Davors Maschine über eine Kante. Unten wälzte er sich im Sand, er konnte sich kaum noch bewegen. “Schwester” Frank hatte mal wieder einen Patienten ins Krankenhaus zu bringen. (Siggi hatte bei diesem Vorfall seine bewährte Schutzkleidung an: Sonnenbrille und Schirmmütze!)

 

22. Oktober 2000: Peter war früh am Morgen abgereist, Siggi lag im Krankenhaus. El Verfahri und Frank brachten ihm eine Kiste mit Lebensmitteln, denn er sollte dort bleiben, bis wir nach 3 Tagen aus dem Wadi Mathendous zurückkamen. Bei Germa führte die Straße links ab. Die sandige Ebene wurde zur Geröllwüste, die Straße zur Piste und diese war gespickt mit großen, spitzen Steinen, die glücklicherweise keine Reifenpanne verursachten. Wir fuhren bis zu einer Kante von der aus das sandige, mit Tamarisken und Gräsern bewachsene Wadi zu sehen war. Bevor wir uns allerdings an die Fahrt dorthin machen konnten, waren die Motorradfahrer verschwunden. Die von Jörn eingespeicherten GPS Daten unterschieden sich von denen der Tatras. Als wir nach etwa 15 Minuten wieder zueinander gefunden hatten, begannen wir die Fahrt ins Tal. An diesem Abend erzählten wir am Lagerfeuer bis weit in die Nacht Witze (wobei Bertl eine Pointe nach der anderen versaute).

 

Am 23. Oktober wurde Jens mit einem Geburtstagsständchen geweckt. Eine Wanderung führte uns zu den im Wadi verteilten sehr eindrucksvollen Felsgravuren. Elefanten, Giraffen und allerlei andere Tiere, die irgendwann vor vielen Jahrtausenden in der Gegend gelebt hatten, sind an den Felswänden des Wadi abgebildet. 

 

Es war heiß geworden, deshalb machten wir es uns nachmittags im Schatten der Tatras gemütlich. Jens hatte Geburtstagskuchen mitgebracht, auf den sich alle gierig stürzten. Man konnte meinen, wir hätten seit Monaten nichts Süßes bekommen, dabei waren gerade erst tags zuvor meine unerschöpflich scheinenden Gummibärchenvorräte zur Neige gegangen. Die Zubereitung des Abendessens wurde heute zelebriert. Es gab Sushi und so saßen wir für manche völlig unfassbar mit Stäbchen bewaffnet in der Wüste und aßen kalten Reis und rohen Fisch. Jörn ließ sich am nächsten Morgen den Essigreis mit Zimt und Zucker schmecken, aber das muss man nicht verstehen.

 

Die Rückfahrt vom Wadi nach Germa war nicht gerade angenehm. Die Piste hatte es in sich. El Verfahri fuhr sich ein paar Mal fest und brachte Klaus so weit, dass dieser ihn nicht mehr vom Abschleppseil (des Pritschen-Tatras) ließ. Alle waren froh, als die Piste hinter uns lag und wir wieder Asphalt unter den Reifen hatten. An der Einmündung der Straße in Germa sollten wir auf Jens, "Schwester" Frank und El Verfahri warten, die vorausgefahren waren, um Siggi aus dem Krankenhaus abzuholen. Da wir noch bei Tageslicht einen Platz bei den Dünen finden wollten, ließen wir Davor zurück, um auf den Krankentransport zu warten. Klaus fuhr voraus. Es ging kreuz und quer durch Vorgärten und Hinterhöfe. Immer wieder mussten wir umkehren, weil wir vor einem Haus standen und es nicht weiterging. Endlich hatten wir doch freie Bahn und hielten direkt auf die Dünen zu. Es wurde dunkel. Olli und Lothar bastelten einen “Leuchtturm”, der die anderen zu uns führen sollte. Klaus war der Überzeugung, dieser sei viel zu klein, er fing an mit Benzin wilde Zeichen in den Sand zu malen um damit Feuerzeichen zu geben. Ungeklärt ist, welche der Maßnahmen sie schließlich zu uns geführt hat. Der Sternenhimmel in dieser Nacht war wunderschön.

 

Kaum waren wir am anderen Morgen losgefahren hatten wir auch schon die erst Panne. Sie konnte zwar recht schnell behoben werden, wenige Kilometer später folgte aber schon die nächste und dieses Mal ging Klaus von 3-6 Stunden Reparatur aus. (Die Feder der "Nut und Feder Verbindung" des Einspritzpumpenantriebes hatte sich mehr oder weniger in Luft aufgelöst. Mit unserer mitgeführten Mini-Fräsmaschine fertigten wir aus einem Stück Stahl eine neue Feder.) Einen besseren Ort für eine Panne hätte es kaum geben können. Idyllisch gelegen, direkt an der Hauptstraße nach Sebha. Immerhin standen wir direkt neben einer “Cafeteria”, deren Wirt allerdings nur 3 Gläser hatte, wir mussten also unsere eigenen Tassen zum Tee trinken mitbringen. Jörn und Katrin fuhren in die Stadt um Geld zu tauschen, was sich als ziemlich schwieriges (bzw. unmögliches) Unterfangen herausstellte. Immerhin kamen wir durch ihren Ausflug in den Genuss sehr leckeren Gebäcks. Als wir endlich weiterfahren konnten, war es beinahe dunkel. Eine Nachtfahrt stand uns bevor. Die Spaghetti in dieser Nacht hatten wir uns redlich verdient.

 

El Verfahri, den eine Netzhautablösung plagte, Siggi, der immer noch starke Rückenschmerzen hatte, Friedhelm, dessen gebrochenes Schlüsselbein ihn auf der Piste arg gequält hatte und Burkhard ("mein Body braucht Sonne") entschlossen sich, die Gruppe am nächsten Tag zu verlassen. Nach dem Abschied waren wir nur noch 14, die sich aufmachten zur Dünenstrecke A9 (nach G. Göttler), die in Idri beginnt. Zuvor mussten wir uns jedoch an der dortigen Polizeistation erneut einer ausgiebigen Passkontrolle unterziehen. Unser Hinweis, die Personalien seien hier erst vor gut einer Woche schon einmal aufgenommen worden, stieß auf wenig Interesse. Es dauerte seine Zeit, die wir nebenan an der Tankstelle nutzten. Diesmal wollten sie richtig Geld für die Kontrolle haben, denn unsere Pässe waren inzwischen um einen grünen Dreiecksstempel reicher. Wahrscheinlich hatten sie den extra wegen uns besorgt. Endlich auf der Piste angelangt, ging es dann gleich gut los: Lothar brach mit dem Tatra in einen Salzsee ein, konnte sich aber selbst wieder befreien. Danach schafften wir ganze 60 Kilometer, ehe wieder ein Tatra streikte. Mal wieder das Gasgestänge. Die Besatzung lag im Sand, döste, las oder schrieb Tagebuch. Klaus und Lothar reparierten, wobei Klaus in Erwägung zog, der Reise den Namen Repara-Tour 2000 zu geben. Als der Tatra endlich wieder ganz war, hatten wir noch 80 Kilometer bis zum heutigen Etappenziel vor uns. In einem wunderschönen Palmenhain schlugen wir das Duschzelt auf. Mit Schlauch im dortigen Brunnen, Pumpe und Notstromaggregat konnten wir duschen. Nach längerer Zeit, die wir mit rituellen Waschungen überbrücken mussten, war es ein Genuss, endlich mal wieder richtig viel Wasser zu haben.

 

Auch am nächsten Tag wurde der neue Tourname leider wieder allzu schnell Programm. Heute entschädigte uns allerdings die wunderschöne Saharalandschaft für alle Unannehmlichkeiten. Sand wechselte sich mit Geröll und Fels ab. Wir konnten uns gar nicht satt sehen an der tollen Umgebung. Das letzte Camp im Sand stand uns bevor und wir genossen es alle. Olli und Thomas, die Görlitz Connection, waren wie so oft damit beschäftigt, sich ein Schloss zu bauen. Sie schleppten dafür mehrere Alukisten und den Küchentisch durch die Gegend, bis sie einen geeigneten Platz für ihr Lager gefunden hatten. Dann wurden die Boxen aufeinander gestapelt und der Tisch am Kopfende in einem Winkel von 37° (ganz wichtig) dagegen gelehnt.

 

Als wir am anderen Tag weiterfuhren waren zunächst noch Berge und Dünen zu sehen. Wir fuhren eine Weile sogar im Sand, wobei Klaus seinen Tatra beinahe über eine Kante hätte fliegen lassen. Nur eine Vollbremsung, bei der er sich eingrub, verhinderte, dass sein Beifahrer Thomas durch die Luke im Dach flog. Mit Hilfe von Lothars Tatra und der Seilwinde konnte das Fahrzeug befreit werden. Mit der Zeit wurde die Strecke immer eintöniger und bald fuhren wir nur noch durch flache Gerölllandschaft. Auch das Wetter wurde zusehends schlechter. Es sah nach Regen aus und es hatte wohl vor kurzem auch geregnet, denn überall sprossen grüne Triebe aus dem Boden.

 

Der vorletzte Tag auf der Piste war angebrochen. Die Koordinaten im Reiseführer führten zu Verwirrung. Plötzlich hielten wir direkt auf ein Lager mit mehreren Zelten zu. Weit sollten wir nicht kommen, denn vorher wurden wir von 4 top ausgestatteten Geländewagen gestoppt. Die Fahrer der Autos schienen uns nicht eben wohl gesonnen und machten auch keinen sehr vertrauenswürdigen Eindruck. Zwei standen etwas abseits mit Kalaschnikows im Anschlag, einer kam auf uns zu und redete aufgeregt auf uns ein. Die Situation entspannte sich etwas, als ein weiteres Fahrzeug ankam, aus dem ein Herr stieg, der Englisch sprach. Ihm erklärten wir, dass wir uns verfahren hatten und nach der Piste suchten. Sein anfangs noch recht ruppiger Ton wurde schnell freundlicher und er entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten. Nachdem auch wir uns für die Störung entschuldigt hatten, durften wir weiterfahren. (Es stellte sich später heraus, dass wir nur einen Kilometer neben der eigentlichen Piste waren. Testet Ghadafi wieder neue Waffensysteme?)

 

Diverse unfreiwillige Streichungen im Tourplan hatten uns die Möglichkeit eröffnet, Ghadames zu besichtigen. So verließen wir die A9 am 30. Oktober und machten uns auf den Weg dorthin. Nachmittags hatten wir eine Führung durch die Dank Ghadhafis systematischer Umsiedelungspolitik unbewohnte Altstadt. Ohne den Führer, der übrigens sehr gut Deutsch sprach, hätten wir uns in dem Gewirr von Gässchen und dunklen Gängen sicher hoffnungslos verirrt. Zwar wohnt niemand mehr in der Altstadt, die Familien haben dennoch alle ihre Häuser behalten. Wenn im Sommer die Temperaturen in den neuen Häusern ins unerträgliche steigen, kehren viele für einige Zeit in ihre kühlen weiß getünchten Lehmhäuser zurück. Die Stadt ist vom Verfall bedroht, an vielen Stellen kämpfen vor allem ausländische Bauunternehmen mit Erfolg um den Erhalt des Weltkulturerbes.

 

Die Nacht verbrachten wir auf einem winzigen Campingplatz am Ortseingang. Unsere Fahrt nach Norden setzten wir am nächsten Tag fort. Vormittags fing Lothars Tatra plötzlich an, Öl zu verlieren. Das war nun nicht gerade außergewöhnlich, denn er verlor eigentlich immer Öl, diesmal war es aber viel mehr als normal. (Die Ölleitung zum Ventilatorantrieb hatte einen Riss bekommen und musste hartgelötet werden). Mit der Abschleppstange wurde er bis zur Mittagspause von Klaus gezogen. Während wir das Mittagessen zu uns nahmen und uns im Schatten mit Backgammon oder Lesen vergnügten, beschäftigten sich Klaus und Lothar mal wieder mit der Reparatur des Tatras. Der Schaden konnte relativ schnell behoben werden und wir kamen abends kurz vor Nalut an der Abbruchkante mit super Ausblick ins Tal an. Das war der wohl landschaftlich spektakulärste Lagerplatz. Nachts schienen von oben die Sterne und unten aus dem Tal die Lichter der vereinzelten Gehöfte und Ortschaften. Auch der Sonnenaufgang am nächsten Morgen war grandios hier oben. Gerade als wir weiterfahren wollten, gab es Probleme mit Davors Motorrad. Er hatte Metallspäne im Öl, die Maschine musste aufgeladen werden. Von ursprünglich 7 waren gerade mal 2 Motorradfahrer übrig geblieben.

 

Je weiter wir nach Norden kamen, desto dichter besiedelt wurde das Land. Die Vegetation wurde üppiger, überall am Straßenrand weideten große Dromedarherden, auch die Architektur änderte sich. Insgesamt schien der Norden wesentlich wohlhabender zu sein, denn auch der Müll in der Landschaft nahm zu.

 

Auf dem Weg zur Grenze sahen wir uns die Ausgrabungen von Sabrata, einer direkt am Meer gelegenen römischen Stadt an. Hier hatten die Restauratoren einen Diletantismus an den Tag gelegt, der seinesgleichen sucht, die Größe und die wunderschöne Lage waren allerdings dennoch beeindruckend. Die letzte libysche Nacht wollten wir am Meer verbringen. Der Weg dorthin gestaltete sich schwierig, da Lothars Planentatra mit den tief hängenden Stromleitungen so seine Schwierigkeiten hatte. Einmal blieb er hängen und hat dabei wohl das ganze Viertel von der Stromversorgung abgeschnitten, wie uns zwei wild gestikulierende Libyer, die später zu unserem Camp in den Dünen gefahren kamen, glaubhaft versicherten. (Lothar hatte sich mit dem Tatra an einer viel zu tief hängenden Leitung verhakt. Er spannte diese wie einen Bogen. Als die Leitung dann zurückschlug, verfing sich diese mit der anderen Leitung. Etwa 1 Meter lange Blitze schlugen darauf hin aus dem direkt daneben hängenden Transformator. “Schwester” Frank, der auf dem Dach saß, konnte sich mit Mühe und Not darunter weg ducken.) Im Reiseführer, der auch schon die Ruinen in den schillerndsten Farben geschildert hatte, war die Rede von schneeweißen, eukalyptusbewachsenen Dünen am ach so blauen Meer. Letzteres fanden wir tatsächlich vor, auch Eukalyptus wuchs dort, aber die weißen Dünen waren in all dem Müll kaum auszumachen. Das Bad im Mittelmeer war herrlich. Es war der 1. November und das Wasser war angenehm warm, wir plantschten noch im Mondschein.

 

Ein letztes Mal für 11 Pfennig pro Liter getankt und auf zur Grenze. Wir waren alle gespannt, wie lange der Aufenthalt dort wohl bei der Ausreise dauern würde. Nach etwa 3 Stunden war alles erledigt. In Tunesien fuhren wir bis Medenine. Dort verließen uns Katrin, Conny, Stefan und Thomas, um mit dem Taxi nach Djerba zu fahren, wo früh am nächsten Morgen ihr Flug zurück nach Deutschland gehen sollte. El Verfahri, der bis dahin mit den anderen mehr oder weniger Invaliden in Djerba Urlaub gemacht hatte, stieß wieder zu uns. Es war Nacht geworden und wir fuhren noch einige Kilometer aus der Stadt. Es folgte das schlechteste Essen der ganzen Reise. Wir gaben dem Fraß den Namen “Soleeintopf” – er hatte es verdient. (Zum kochen der Erbsensuppe hatten wir leider das salzhaltige  "Wurstwasser" der Bockwürstchen verwendet.)

 

Kairouan war unser nächstes Ziel. Doch bereits nach 5 Kilometern Fahrt am Morgen war das Getriebe verreckt. (Der Flansch am Wechselgetriebe, an dem die Kardanwelle des Motors ankommt, hatte sich gelockert). Klaus und Lothar mussten noch einmal das volle Programm auffahren. Wir anderen vertrieben uns die Zeit im Eukalyptushain, wobei uns zahlreiche pubertierende Schulmädchen, die pausenlos am Kichern und Tuscheln waren, Gesellschaft leisteten. Wir schafften es an diesem Tag tatsächlich noch bis Kairouan. Dort stellten wir uns am Stadtrand auf einen etwas eigenartigen Platz. Lothar und Bertl blieben bei den Autos, die anderen suchten sich ein Taxi, um in die Stadt zu fahren. Nach einem ausgiebigen Stadtbummel mit leckerem Essen und anschließendem Besuch im Internet-Café fuhren wir zurück zu den anderen. Die waren in heller Aufregung. Sie waren umringt von einer Horde Jungs gewesen, die dann irgendwann wieder verschwanden. Später war die Polizei gekommen und hatte gefragt, ob jemand einen Rucksack mit Fotoausrüstung vermisse. Alle sahen nach und tatsächlich war Davors Rucksack aus dem Tatra verschwunden. Er konnte ihn am nächsten Morgen auf der Polizeiwache abholen.

 

Die letzten 160 Kilometer bis Tunis verliefen ohne Pannen. Im Hafen von La Goullette angekommen, zogen Eva, Jens und ich los, um fürs Abendessen einzukaufen. Es gab Unmengen Garnelen. Die Zeit bis zum Einchecken am nächsten Tag verbrachten wir mit diversen Stadtbummeln. Dann hieß es Abschied nehmen. “Schwester” Frank flog von Tunis aus zurück nach London. Um 16 Uhr legte das Schiff schließlich ab. Der Himmel über Afrika zeigte sich von seiner schönsten Seite und schenkte uns zum Abschied einen tollen Sonnenuntergang. Der Seegang war während der gesamten Überfahrt ziemlich heftig, was einigen nicht so gut bekam. Als wir 24 Stunden später Marseille erreicht hatten, waren alle froh, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Ohne größere Zwischenfälle konnte am 7. November die Heimreise nach Remscheid angetreten werden.

 

Sicherlich hatte sich jeder vor der Abreise Gedanken darüber gemacht, wie es wohl werden würde, mit so vielen fremden Menschen eine solche Reise zu unternehmen. Am Ende stand fest: auch wenn nicht immer alles geklappt hat, wie geplant, wir würden jederzeit wieder zusammen in die Wüste fahren!

 

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